Problemfall Einzelkind

Die Aufzucht und spätere Auswilderung von Einzelkindern ist unbedingt zu vermeiden !!!! Eine Möglichkeit zur Vergesellschaftung mit anderen Marderkindern gibt es immer. Hier finden sie diverse Möglichkeiten dazu: Marderbaby gefunden was nun ?

Generell sind Steinmarder Einzelgänger. Ein Revierrüde duldet jedoch ein paar Fähen innerhalb seines Revieres, die er gelegentlich besucht - vorallem natürlich zur Paarungszeit. Die Aufzucht der Jungen übernimmt die Fähe dann wieder allein. Die Jungen bleiben relativ lange bei der Mutter - im Normalfall bis Juli/August - dann sind die Kinder soweit selbständig und haben alles nötige gelernt. Aus dem mütterlichen Revier vertrieben gehen die jungen dann auf Reviersuche. Manchmal bleiben sie noch bis in den Winter zusammen und lösen die Geschwistergruppe dann langsam auf. Auch diese Phase ist sehr lernintensiv und wichtig für die Marderkinder.

Handaufzuchten:
Während der Babyzeit und dem Erwachsen werden ist es dringend nötig von anderen Mardern zu lernen. Im Idealfall übernimmt das die Mutter. Da unsere Marderkinder ohne die richtige Mama aufwachsen, ist das Lernen nicht so einfach. Wir Ersatzmama's können diese Lücke nicht füllen. Das Leben eines Marders besteht aus Futtersuche, Flucht vor dem Feind (auch Menschen), Revierkämpfen und Paarung. Bei den Fähen kommt hier noch die Aufzucht der Jungen dazu.

Beim Futter können wir sie noch in die richtige Richtung führen. Indem wir zu den Jahreszeiten das passende Futter anbieten, lernen die Kinder was es alles auf dem Speiseplan gibt (im Sommer vor allem Obst).
Das Fluchtverhalten ist angeboren und bedarf nur ein bisschen Unterstützung, indem wir die Kleinen möglichst von fremden Menschen fernhalten und ihnen vorleben sich sofort zu verstecken, wenn Gefahr droht. Das mit der Paarung kriegen die Süßen auch selber hin, wenn es soweit ist - immerhin ist die erste Paarungszeit erst im August des nächsten Jahres.
Aber was wir ihnen nicht beibringen können ist das Kämpfen. Sich zu verteidigen und auch anzugreifen ist in der freien Natur lebenswichtig. Dazu gehört nun mal beißen. Geschwisterchen untereinander toben sich aus und beißen sich auch gegenseitig. Das wird einem Einzelkind immer fehlen. Dadurch hat es wesentlich schlechtere Chancen sich später gegen den Reviermarder zu behaupten, was früher oder später dazu führt, dass ihr Einzelkind immer auf der Flucht ist und das Revier verlassen muss.

Die Aufgabe ein Einzelkind groß zuziehen ist also um ein Vielfaches schwieriger als mit Geschwistern. Am Anfang helfen noch Stofftiere, Quietschtiere, Fellmäuse usw. dass das kleine Wildtier nicht so alleine ist. Aber dann ..... ?

Hier ein Beispiel aus dem Jahr 2010:
Eine Familie in Bayern zog ein Marderchen auf. Als Familienliebling war das Kleine an viele Menschen gewöhnt. Alle Nachbarn waren eingeweiht und waren bei dem Anblick des Baby's entzückt. Das Marderchen wuchs heran und sah weiterhin die gesamte Nachbarschaft als sein Revier. Sogar zum Grillen zu den Nachbarn kam das Marderkind mit, wurde gern gesehen und sogar mit dem einen oder anderen Stück Fleisch vom Grill gelockt. An einem warmen Sommertag im August (Marder inzwischen ausgewachsen) lies er sich wieder vom Grillduft der Nachbarn anlocken. Frech wie immer hüpfte er auf den Tisch und schnappte nach einem Stück Fleisch. Die Dame des Hauses war jedoch nicht mehr so begeistert und wollte das Fleisch zurückhalten. Der Marder biss der Frau in die Hand - ein ganz normales Instinktverhalten. Die Frau ging unverzüglich zu ihrem Arzt um die Wunde (m.E eher eine Lappalie) ansehen zu lassen. Als der Hausarzt erfuhr, dass der Biss von einem Steinmarder war, verständigte er sofort das Landratsamt um auf die Sache aufmerksam zu machen. Obwohl seit Jahrzehnten kein Fall von Tollwut mehr bekannt war, wurde verlangt das Tier sofort einzufangen. Was dann folgte war der Horror für die Familie. Ein ganzer Trupp von Menschen (Tierarzt, Landratsamt, Hausarzt) verlangte die Herausgabe des Marders (der schlief inzwischen wieder friedlich im Wohnzimmer). Vor den Augen der Familie inkl. Kinder wurde der Marder getötet um seinen Kadaver in ein Labor zu schicken. Dort wurde er auf Tollwut untersucht. Das Ergebnis war klar: Keine Tollwut !

 

Aufzucht in der Gruppe:

Jeder Marder ist anders ! Es gibt die Vorsichtigen, die Wilden, die Ängstlichen, die Draufgänger usw. In der folgenden Tabelle finden sie unsere persönlichen Einschätzungen, die wir über viele Jahre gesammelt haben.

Anzahl der Marder Chancen in % Begründung und Erfahrungswerte
Einzeltier 5 - 10 % Kann nicht kämpfen, sich nicht entsprechend wehren und durchsetzen. Jedes andere Wildtier kann schlimme Verletzungen und sogar den Tod bedeuten. Es fehlt jede Art von Selbstbewußtsein. Die Orientierung am Menschen nennt man "Fehlprägung" und genau so fehlerhaft wird dieses Tier seine Umwelt erleben.
2 Jungmarder 10 - 30 % Keine entsprechende Rollenverteilung. Kaum Lernverhalten, zumal jeder den anderen beobachtet. Auch hier haben andere Wildtiere leichte Beute.
3-4 Jungmarder 50 - 80 % Charakter - Mischung schon eher ausgewogen. Der Scheue wird von der Gruppe mitgezogen, der Draufgänger wird eingebremst usw.
5-6 Jungmarder 80 - 90 % Ausgewogene Gruppendynamik ! Hoher Lerneffekt. Ideale Voraussetzung für späteres Revierverhalten. Gewisse Sicherheit auch für den Kleinsten bzw. Schwächsten.
mehr als 7 ? Gruppen in dieser Größe empfehlen wir nur in Ausnahmefällen. Dazu muß der geeignete Platz und entsprechendes Fachwissen vorhanden sein. Reviere sind knapp und es wird umso schwieriger für die Bande einen festen Platz zu finden. An Plätzen mit so vielen Marder-Jungtieren kann im Normalfall nur alle 2 Jahre ausgewildert werden.

 

Wenn nun zu allem Übel so ein Einzelmarder auch noch verspätet ausgewildert werden soll, wird es echt schwierig. Es besteht jedoch noch ein Fünkchen Hoffnung auf Auswilderung, wenn der Marder artgerecht ernährt wurde und die Bezugsperson bereit ist zu ihm Distanz zu halten.

Mehr dazu hier:

Auswilderung versäumt

Marderhilfsnetz  •  Copyright © 2015 by Karin Amann